heute: das wohnheim
ich lebte in meinem praxisjahr in einem wohnheim in einer großen stadt in dem 1% deutsche lebten und 99% ausländer aus allen herren länder. verschärfend kam hinzu, dass bis auf 3 menschen alle musiker waren. klassische musiker. verschwurbeltes volk, dass tagein tagaus nur übte und ansonsten einen sehr ungewöhnlichen lebenstil führte. eigentlich ideale zustände für mich. das zusammenleben war geprägt von einer nahezu unwirklichen toleranz. würde man unser damaliges zusammenleben auf die welt übertragen, es würde nur blumentragende tanzende menschen und fröhliche gesichter geben. allerdings musste man bereit sein, sämtliche vorstellungen von hygiene, besitztum und umgangsformen über board zu schmeissen. besonders gerne mochte ich die asiaten, die zu hauf dort vertreten waren. sie bekamen carepakete aus ihrer heimat geschickt mit sonderlichem essen wie getrockneten winzlingsfischchen, fledermäuschen und wurzeln. sie weihten mich ein in die hohe asiatische kochkunst, ich bekam das rezept für kimchi, welches jahrhundertelang im besitz einer koreanischen familie war und lernte, dass es noch andere sachen zu essen gab aus tk-pizza und schokolade. das einzig wirklich störende (ausser der 10 stündigen überei auf diversen instrumenten und auch nie ein ganzes musikstück sondern 10 stunden lang einen takt) waren die duschvorstellungen. wir teilten uns alle gemeinsam 3 duschen pro stock. besonders die asiatischen männer duschten gerne viel und lang. so lang, dass ich nach einigen wochen in der einen dusche moos an den wänden bemerkte. das blieb deshalb so lange unbemerkt, weil die einzige putzfrau irgendwann den dienst verweigerte, weil die hygienezustände nicht so entgegenkommend waren. meine zweite lieblingsausländertruppe waren die russen. auch sie stark vertreten, vorallem deshalb, weil sich immer irgendwo in unserem wohnheim ein paar illegale aufhielten, nach denen regelmässig mit polizeiverstärkung gesucht wurde und die dann abgeführt wurden (”ach, der war auch illegal?”). die russen -ich darf das mal so verallgemeinernd sagen- hatten das unglaubliche talent, aus schrott noch irgendwas zu machen. der ferseher hatte den geist aufgegeben? kein problem dimitrisergejwladimir macht das schon und simsalabim stand tage später ein schöner fernseher im gemeinschaftsraum. das fragen wiesoweshalbwarum gewöhnte ich mir schon nach ein paar tagen ab-was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss diese einstellung war die beste überlebenschance in diesem wohnheim. ich erinnere mich gerne an…nennen wir ihn dimitri….heute solokontrabassist in einem sehr großen europäischen orchester, der sich seinen lebensunterhalt mit dem fälschen von bässen verdiente. sonntags ging er auf einen trödelmarkt irgendwo in der großen stadt und kam mit einem runtergekommenen bass aus dem jahr 1988 daher. dann wurden lacke gemischt und verrührt und farbtöne beigemischt, f-löcher mit dem schleifpapier in barocke f-löcher umgeschleift und verblichene papierchen gebastelt, auf denen der bass dann plötzlich aus dem jahre 1768 kam. und irgendein super ambitionierter vater eines gelangweilten kindes fand sich immer, der ihm den schrott abkaufte. ich erinnere mich als ich eines abends in die gemeinschaftsküche kam und ich dimitri dort in einer armee von lackdosen und einmachgläser mit farbe panschen sah. ich hatte eine kippe in der hand und war im begriff mir diese anzuzünden, als ein funken panik in den augen des sonst sehr gelassenen dimitri aufblinkte und er mit breiten russischen akzent meinte: “niiiicht. schönes wohnheim fliegt sonst in die luuft.” ich habe es ihm sofort geglaubt. auch schön die geschichte der zwei schwulen koreaner, beide flötisten, was sonst, die sich wegen einem dritten koreaner derart in die haare bekamen, dass im lauf des streits der fernseher aus dem zweiten stock des gemeinschaftsraumes flog-ich glaube, das war eines der wenigen mal, bei denen selbst die russen die fassung verloren. aber sie wussten sich zu helfen, besorgten einen neuen und ermahnten die koreaner lediglich mit einer handbewegung (kopf ab) sich zu mässigen. schön auch der übwettstreit meines damaligen freundes und späteren mannes. er wohnte neben einer chinesin, die querflöte spielte und damit auch piccolo. die instrumente scheints wohl nur im doppelpack zu geben. jedenfalls übte sie wirklich geschlagene 10 stunden piccoloflöte. tagein tagaus. stund um stund. einen takt. wenns hochkam mal einen lauf. stund um stund. mein freund bat sie mehrmals doch mal was anderes zu üben, er könne sich durch die papierwände nicht auf sein instrument konzentrieren, es teilweise gar nicht mehr hören. sie übte weiter. bis er beschloss ebenfalls läufe in den höheren lagen zu üben. ohne dämpfer. 10 geschlagene stunden. tagein tagaus. stund um stund. es entstand ein ohrenbetäubender wettkampf, wer zuerst die nerven verlieren würde. am ende war es das restliche wohnheim, dass die beiden mehr als deutlich aufforderte den wettstreit zu beenden.
so lebte ich ein jahr unter den wundervollsten menschen aus allen herren ländern. toleranz und die akzeptanz von andersartigkeit nicht nur in der herkunft lernte ich dort. ich erlebte parties, auf denen gegen 3 uhr morgens noch der blockflötist im schlafanzug auftauchte, weil er ohnehin nicht schlafen konnte, jazzgeiger sich auf ihrem instrument battelten um dann gemeinsam tschechische volklieder zu spielen, ich habe erfahren, dass man meryl streep in “out of africa” beim begräbnis von dennis nur mit leberwurst füttern muss und schon gehts ihr besser und ich weiss wie man in einer küche, in der meterhoch der müll steht leckeres asiatisches essen kochen kann.
was will ich mehr?
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