meine großeltern mütterlicherseits kamen aus fulda. sie lebten dort in einem haus mit garten. vorgestern dann, als ich die hände in der erde stecken hatte, den geruch von erde in der nase – da fiel mir plötzlich etwas aus meiner kindheit ein. und weil ich zur zeit ein fürchterliches sensibelchen bin, muss ich ein bisschen kniepern und stehe plötzlich in der küche meiner großeltern.
ich habe meine großeltern nicht so oft gesehen was schlicht daran lag, dass das jedesmal eine halbe weltreise war – aus süddeutschland nach hessen, mit drei kindern, voll berufstätigen eltern die auch nicht massig zeit hatten – und dann noch ein großelternpaar väterlicherseits in flensburg die ja auch hin und wieder besucht werden wollten.
zu oma und opa fulda fahren war immer eine großartige sache - kaum sah man die kaliberge von der autobahn aus, wars nicht mehr lang. egal wie sehr der kleine bruder gerade noch am nerven war, oma und opa nahten! ich weiss noch, dass kurz vor der abfahrt die leitplanken verschwanden und durch eine art grünen lattenzaun ersetzt wurden. fuhr man an dem vorbei machte es immer so ein „flappflapp-hubschrauber“ geräusch – bis heute liebe ich es auf autobahnen an diesen zäunen vorbei zu fahren.
der zentrale punkt in der wohnung meiner großeltern war die küche. hier wurde nach ankunft erst einmal wild durcheinander geredet. ich sehe meine oma wie sie die schüssel mit heissen decrecinern, die immer wasserfontänen spritzten wenn man reinstach, auf den tisch stellt. meine oma mit dem tablett in der hand auf dem die mayonaise und remouladengläser standen, die es bei uns zu hause so selten gab. daneben das kümmelbrot – ein riesen laib und mit krachender kruste. und aufschnitt in allen formen und geschmacksrichtungen – ich schwöre, dass mein sohn dieses hessische woschtgen geerbt hat. würden er und seine uroma zusammentreffen, wäre das ein festival der hessischen woschtliebe!
ich sehe meinen vater und seinen schwiegervater in ein gespräch verwickelt und meinen kleinen bruder auf der suche nach den neu gebundenen witzeheftchen. das war eine von meinem opa gebundene sammlung der letzten witzeseite aus einer fernsehzeitschrift, die meine großeltern damals abonniert hatten. die sammelte mein opa jahr für jahr und liess sie dann binden – ein fest für uns kinder, abends in diesen heftchen zu schmökern. warm eingekuschelt in eine daunendecke, bei der man am ende einer nacht obenrum nur noch labbriges laken hatte während sich an den beinen ein dicker haufen daunen türmte.
ich sehe meinen großen bruder mit meiner oma im keller, ein ehemaliger bunker, der sämtliche kulinarische köstlichkeiten barg die während unseres besuchs auf den tisch kamen. und ich sehe meinen opa, der beim spazieren gehen immer meine hand in seine hand nahm und dann drückte. und ich drückte zurück. drückte er meine hand zweimal, drückte ich ebenso zweimal. ich nannte ihn immer „superfreund“ und mit meinem superfreund konnte ich stundenlang hände drücken.
und ich? mmh. ich hatte mich gegenüber meinen brüdern durchgesetzt – ich vermute, meinen kleinen bruder habe ich gezwickt und den großen mit scharfem ton („stevan!?“) verscheucht – und den one and only platz in der küche meiner großeltern geentert. den barhocker.
dieser barhocker war das absolute objekt unserer begierde. er stand etwas wackelig auf dem grünen teppich in der küche, er hatte einen mit weissem pvc bezogenen schaumstoffsitz, der immer „pfffff!“ machte wenn man sich draufsetzte und die luft aus dem schaumstoff wich, während man zeitgleich so ein bisschen in der höhe sank. von diesem barhocker aus hatte man einfach den besten blick auf die dinge und vorallem – der barhocker stand an einer langen küchenkommode und auf dieser standen und lagen die interessantesten und spannendesten dinge. zb ein unvorstellbar großer stifteköcher mit einem sammelsurium an zettelchen und notizen und stiften in allen formen und farben. mein großvater war arzt an einem fuldaer krankenhaus und hatte soweit ich mich erinnern kann dort auch noch eine praxis – und schon damals gab es wohl werbegeschenke. kleine figuren mit slogans drauf, blöcke und stifte aus denen man eine produktbeschreibung an der seite rausziehen konnte – dieser stift war spicktechnisch eine absolute sensation und wurde rege von mir genutzt.
und dann stand da noch der „gärnter pötschke“. ein abreisskalender mit nützlichen gartentips für jeden tag. und dieser kalender – der hatte es mir echt angetan. zu hause in dem garten meiner eltern habe ich nie viel gemacht oder machen müssen. der garten war kaum benutzt, wir streunten immer woanders rum. ausserdem lag unser haus wirklich sehr stadtnah an einer der hauptverbindungsstrassen richtung bodensee und alle menschen, die zu fuß oder mit dem auto in die innenstadt wollten, kamen an unserem garten vorbei. also wurde nur gemäht, hecken gestutzt, der weg zum haus gefegt und das wars. (wahrscheinlich schlägt meine mutter gerade die hände über dem kopf zusammen, wenn sie dran denkt was da sonst noch gemacht werden musste, aber das blieb mir in erinnerung.) gartenarbeit war für mich damals also eher neuland. und die tips las ich mit einer mischung aus „oh mein gott, dabei also müssen andere kinder ihren eltern im garten helfen!?“ und „oh, das sieht bestimmt hübsch aus im sommer!“
dieser gärtner pötschke ist so fest mit diesem sitzen auf dem barhocker in der küche von oma und opa verbunden, dass es das erste war was mir einfiel als ich vorgestern beim umgraben überlegte, woher ich mir noch tips holen könnte. und weil der gärtner pötschke mich an meine großeltern erinnert, die ich leider viel zu selten gesehen habe und viel zu wenig erlebt habe und ich jetzt meinen eigenen spaß am garten entdecke, gibts ab nun eine neue kategorie. die „gärtner pötschke“ – kategorie, in die meine beiträge rund um den garten reinkommen.
ich glaube, das hätte die beiden gefreut.
Kommentare